Ist Toleranz eine Einbahnstraße?

Der 7. dieses Monats markierte zwei Jahre seit dem Tag, an dem zwei Männer mit Gewehren in die Büros der Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Paris marschierten und zwölf Leute ermordeten. Dieser Zeitraum markiert daher auch den zweiten Jahrestag der Zeitspanne von etwa einer Stunde, in der sich ein Großteil der freien Welt als „Charlie“ proklamierte und, durch das Gehen durch die Straßen, einer Schweigeminute, oder durch Wiederholung des Hashtags #JeSuisCharlie, der ganzen Welt zu zeigen versuchte, dass Freiheit nicht unterdrückt werden kann und dass die Feder mächtiger ist als die Kalaschnikow.

Zwei Jahre später sind ein guter Zeitpunkt, eine Bestandesaufnahme der Situation vorzunehmen. Wie erging es uns? Haben sich all diese „Je-Suis“-Ansagen zu mehr als einem Blip in der Twitter-Sphäre summiert? Jedermann, der versucht, eine solche Frage zu beantworten, könnte damit anfangen, den Zustand der Zeitschrift zu betrachten, um die jeder so besorgt war. Wie ist es ihr in den zwei Jahren ergangen, seit die meisten ihrer leitenden Redakteure von der Blasphemie-Polizei niedergeschossen wurden?

Nicht gut, wenn ein Test für das Wohlbefinden des Magazins ist, ob sie bereit wäre, das „Verbrechen“ zu wiederholen, für das es angegriffen wurde. Sechs Monate nach der Schlachterei, im Juli 2015, gab der neue Herausgeber der Publikation, Laurent Sourisseau, bekannt, dass Charlie Hebdo keine Darstellungen des Propheten des Islam mehr veröffentlichen würde. Charlie Hebdo hatte, wie er sagte, „seine Arbeit getan“ und „das Recht auf Karikatur verteidigt.“ Es hatte weitere Mohammed-Karikaturen in der Ausgabe unmittelbar nach dem Massenmord in ihren Büros veröffentlicht und seitdem. Aber, sagte er, sie brauchten das nicht weiter zu tun. Nur wenige Menschen hätten ihn und seine Kollegen für eine solche Entscheidung kritisiert. Wenn so gut wie jedes andere Magazin in der freien Welt die Werte der freien Meinungsäußerung und das Recht der Karikatur, zu beleidigen, nicht verteidigt, wer könnte dann von einer Gruppe von Karikaturisten und Schriftstellern, die bereits einen so hohen Preis bezahlt haben, erwarten, diese Freiheitswerte alleine hochzuhalten?

Jetzt, am zweiten Jahrestag der Gräueltat, hat eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des Magazins, Zineb El Rhazoui, angekündigt, dass sie das Magazin verlässt. El Rhazoui, die wegen des Sicherheitsdispositivs, das sie vom französischen Staat erhält, als „die am meisten geschützte Frau in Frankreich“ bezeichnet wurde, hat angekündigt, dass Charlie Hebdo gegenüber dem islamischen Radikalismus „weich“ geworden sei. Sie sagte Agence France-Presse, dass „Charlie Hebdo am [7. Januar 2015] starb.“ Die Zeitschrift hatte zuvor eine „Fähigkeit, die Fackel der Ehrfurcht und der absoluten Freiheit zu tragen“, sagte sie. „Freiheit um jeden Preis ist, was ich an Charlie Hebdo liebte, wo ich trotz großer Widrigkeiten gearbeitet habe.“

Natürlich ist El Rhazoui eine ungewöhnliche Person. Und ein seltener Mensch im einundzwanzigsten Jahrhundert Europas. Deshalb braucht sie das Sicherheitsdispositiv. Die meisten Leute, die sagten, dass sie sich um das Recht kümmern würden, zu sagen, was sie wollen, wann immer sie wollen, waren bereit, den Gang zu gehen – und mit einem Bleistift in der Luft durch Paris zu laufen. Oder sie waren bereit, den Vortrag zu halten und zu verkündeten „Je Suis Charlie“. Aber fast niemand hat es wirklich gemeint. Wenn sie es so gemeint hätten, dann wären die Menschenmassen – wie Mark Steyn hinwies – in Paris nicht mit Bleistiften durch die Straßen gelaufen, sondern mit Cartoons von Mohammed. „Ihr werdet uns alle holen müssen“, wäre die Botschaft gewesen.

 

(…mehr)

Über Wagih Felbermayer

Chefredakteur der Presseagentur Euro Arab Press Fotoreporter Webdesigner

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.