Der liberale Rechtsausleger

ashmawiDer ägyptische Jurist und Publizist Mohammed Saeed al-Aschmawi gehörte zu jenen liberalen Denkern, die sich für eine grundlegende Aufarbeitung des islamischen Erbes einsetzten. Am 5. November starb er im Alter von 81 Jahren. Zum ersten Mal traf ich Saeed al-Aschmawi im Spätsommer 2009 in Kairo, wo er bis zuletzt gelebt hatte.

Damals verfasste ich eine Hausarbeit über das Abrogationsprinzip im Islam und wollte ihn näher dazu befragen. Seine Mailadresse hatte ich über das Internet ausfindig gemacht. Es ergab sich ein reger Austausch, in dem er mir bereitwillig auf meine Fragen antwortete und wichtige Denkanstöße und Orientierungspunkte vermittelte, bis wir schließlich einen Termin für ein Treffen in seiner Wohnung vereinbarten.

Als ich dort ankam, wurde ich, wie zuvor schon angekündigt, von einem Polizisten erwartet und bis zur Wohnungstür begleitet. Aschmawi wurde nämlich seit 1980 aufgrund offener Mordaufrufe von Seiten islamistischer Gruppierungen permanent unter Polizeischutz gestellt. Stets hatte er der Forderung nach einer Einführung der Scharia in den ägyptischen Gesetzeskodex widersprochen. Aschmawi, der als Präsident des Obersten Strafgerichtshofes in vergleichendem und islamischem Recht und in islamischer Theologie ausgebildet war, begründete seinen Standpunkt damit, dass die Scharia im Laufe der Geschichte nach und nach zweckentfremdet worden sei.

Als ein »Weg zur Wasserstelle« wird sie im Koran beschrieben, der allen Propheten vor Muhammad zur Seite gestellt wurde. Entsprechend fungiere die Scharia als religionsübergreifendes Bindeglied, so Aschmawi. Ihre Funktion liege weniger in einer praktikablen Gesetzgebung für eine bestimmte Religion, als vielmehr darin, dass sich in ihr Gottes Barmherzigkeit für die drei abrahamitischen Religionen widerspiegelt.
Enttäuschung darüber, dass die Islamisten ihn statt mit Waffen nie mit Worten bekämpft hatten
Innerhalb des Korpus der insgesamt 6.000 koranischen Verse befänden sich nur 80 gesetzgebende, wobei »Scharia« als Wort sogar nur viermal erwähnt werde, konstatierte Aschmawi. Zudem sei im Laufe der Zeit das Bild der Scharia durch willkürlich verabschiedete Gesetze und Rechtsgutachten von islamischen Gelehrten zunehmend verzerrt und politisch instrumentalisiert worden. Dies nützten Islamisten heutzutage schonungslos aus, um ihre globalen Machtinteressen durchzusetzen.

Als ich Aschmawis Wohnung betrat, fielen mir sofort zwei imposante Statuen am Eingang sowie zahlreiche Kunstwerke und Antiquitäten an den Wänden und in den Gängen auf. Ich kam mir vor wie in einem Museum. Aschmawi lächelte und begann, mich mit einigen der antiken Stücke vertraut zu machen. Nachdem ich mich eine Weile umgeschaut hatte, wies er mir meinen Stuhl zu und wir begannen, uns zu unterhalten. Das Treffen, zu dem sich während meines Aufenthalts in Kairo noch einige weitere gesellten, war herzlich und von einer angenehmen Atmosphäre geprägt. Nur das Licht in der Wohnung fiel etwas schwach aus.

Aschmawi war sichtlich erfreut über mein Interesse an seiner Arbeit und darüber, dass seine Werke nach wie vor außerhalb der islamischen Welt rezipiert werden. Neben den fachlichen Fragen, die ich an ihn stellte, teilte er mir auch einige persönliche Anekdoten aus seinem Leben als Politiker und Freidenker mit.

So berichtete er etwa von seiner Jugendzeit in Alexandria, als seine jüdische Nachbarin ihm das Klavierspielen beibrachte, von seinen Vorträgen und diversen Auslandsreisen, die ihn auch nach Deutschland führten; davon, dass er sich vor deren Tod am liebsten mit dem Literaten Tawfik al-Hakim, der in vielen seiner Bücher die entsprechenden Vorworte beisteuerte, und dem Komponisten Mohammed Abdel Wahab in Künstlerkreisen aufhielt, von den willkürlichen Verhaftungen und diversen korrupten Vorfällen in der ägyptischen Justiz und von seiner Enttäuschung darüber, dass die Islamisten ihn statt mit Waffen nie mit Worten bekämpft hatten.
Der Präzedenzfall Nasr Hamid Abu Zayd und die Kopftuchfrage
Durch seine Doppelrolle als Politiker und als islamischer Reformdenker geriet Aschmawi nur allzu oft in den Zwiespalt, seine liberalen Ansichten zugunsten der politischen Laufbahn unterzuordnen. Hieran offenbart sich das immer wiederkehrende Dilemma des modernen Intellektuellen inner- und außerhalb der arabischen Welt und wirft zugleich die Frage nach seiner Verortung und der moralischen Verantwortung in der Gesellschaft auf.

Aschmawi jedenfalls entschied sich gegen die Politik, als er 1995 ein persönliches Angebot von Präsident Mubarak zur Ernennung zum Justizminister ausschlug – mit der Begründung, er könne dies nicht mit seinem Gewissen als Freidenker vereinbaren. Daran schloss auch seine Kritik zum Fall des ägyptischen Literaturwissenschaftlers Nasr Hamid Abu Zayd an, der im selben Jahr durch eine Berufungsinstanz von seiner Frau zwangsgeschieden wurde. Er hatte dafür plädiert, den Koran mit hermeneutischen Methoden zu untersuchen. Aschmawi befürchtete damals, dass Fälle wie dieser nur dazu ermutigen würden, liberalen Denkern in Zukunft das Wort für immer zu entziehen und Klagen gegen sie und ihre Freiheit des Denkens einzureichen.

Ebenfalls in diese Zeit fiel seine mit Großmufti Mohammed Tantawi ausgetragene Streitdebatte über das Kopftuch der muslimischen Frau, die für viel Aufsehen im Land sorgte. Aschmawi behauptete, dass es sich dabei um keine islamische Vorschrift, sondern um ein anfänglich politisches Symbol handelte, das später religiös legitimiert worden sei. Dabei spielte er auf die Wirtschaftskrise Ende der 1970er Jahre in Ägypten an, als viele Menschen das Land in Richtung Golfstaaten verließen und sich dort eine wahabbitische Auslegung des Islams aneigneten. Nach ihrer Rückkehr propagierten sie diese lautstark. Aschmawi zufolge wurde dadurch nicht nur das Tragen des Kopftuchs zur religiösen Pflicht. Auch das Tragen der Jallabiyya wurde bei den Männern fortan religiös legitimiert und galt als islamische Tracht.
Plädoyer für den Islam als eine dynamische Religion im steten Wandel
In den letzten Monaten seines Lebens absolvierte Aschmawi erstmals Auftritte im ägyptischen Fernsehen, um dort über die aktuelle Lage im Land zu diskutieren. Schon zum damaligen Zeitpunkt bescheinigte er den Muslimbrüdern ein Ende ihrer Herrschaft im Land. Auch die Ambitionen, einen modernen Kalifatsstaat zu errichten, seien damit nichtig. Schließlich, so Aschmawi, habe die Geschichte dies »in Anbetracht aller bisherigen faschistischen Bewegungen gelehrt«.

Wichtig für die Zukunft, so Aschmawis Plädoyer, sei es, dass dem Volk sein längst überfälliges Anrecht auf ein mündiges Leben gestattet werde. Dies könne nur dann gelingen, wenn man den Islam als eine dynamische Religion im steten Wandel betrachte, die sich den gegebenen zeitlichen und räumlichen Verhältnissen anpasst. Erst wenn man beginne, den Koran historisch zu begreifen, also vom Text auf den Kontext schließt, würde man erkennen, dass er unter bestimmten epochalen, sozialen und ökonomischen Umständen offenbart wurde, die mit der heutigen Zeit und den heutigen Verhältnissen nur wenig gemeinsam haben.

Während all unserer Gespräche verging die Zeit wie im Flug. Neben den bereits angesprochenen Punkten berichtete Aschmawi mir von anstehenden Projekten, wozu neben zahlreichen Veröffentlichungen auch das Verfassen seiner Memoiren zählte, was aber nicht rechtzeitig realisiert wurde. Für meine weiteren Forschungsarbeiten schenkte er mir schließlich noch einige seiner Bücher. Als ich 2010 erneut für kurze Zeit nach Kairo flog, sah ich ihn zum letzten Mal. Der Kontakt über E-Mail blieb stets bestehen.

Bis zuletzt lebte Aschmawi zurückgezogen im Stadtteil Zamalek. Seine wenigen Kontakte beschränkten sich neben seinen Verwandten auf die Verleger und Redakteure seiner publizierten Bücher und Artikel. Aschmawi hat in seiner Schaffenszeit mehr als 35 Bücher und mehrere Artikel in arabischer, englischer und französischer Sprache veröffentlicht. Zu seinen wichtigsten Werken zählen »Der politische Islam« (erschienen in englischer Übersetzung als »Islam and the Political Order«, in französischer Übersetzung als »L’islamisme contre l’islam«) und »Die Grundlagen der Scharia« (erschienen in englischer Übersetzung als »The Roots of Islamic Law«).

Anstelle dieses Nachrufes sollte ursprünglich ein Interview mit Saeed al-Aschmawi zu seiner Einschätzung der aktuellen Lage in der arabischen Welt stehen.
Zenith
Ein persönlicher Nachruf von Hussein Gaafar

Über Wagih Felbermayer

Chefredakteur der Presseagentur Euro Arab Press Fotoreporter Webdesigner

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.