Mord im Namen Allahs

fiqhEin Roman, der wahr sein könnte: In „Kadir, der Krieg und die Katze des Propheten“ schreiben Peter Mathews und Benno Köpfer über das Thema der Zeit: Amok für Allah. Rolf Rische hat das Buch gelesen.  „Allahu Akbar!“, schreit der 16-Jährige vor dem Hamburger Fußballstadion auf St. Pauli. Gleich wird er sich und hunderte Unschuldige in die Luft sprengen.

Der Jugendliche ist Deutscher, begeisterter Fußballer und seit kurzem religiös motivierter Terrorist. Eine gleichermaßen angsteinflößende wie absurde Szene. So absurd wie leider zu viele reale Ereignisse im Deutschland des Jahres 2016. Mit dieser Szene beginnt der Roman.

 

„Kadir ist Dschihad“- Terror trivial

 

Das Buch schildert den Weg des Deutsch-Türken Kadir vom halbwegs unauffälligen, halbwegs integrierten Schulabbrecher zum Dschihadisten. Über den örtlichen Moscheeverein und die Koranschule gerät der Teenager in Hamburg unter den Einfluss radikaler Islamisten.

 

„IS“-Videos bei YouTube üben eine sogartige Faszination auf ihn aus. Schließlich reist er über die Türkei nach Syrien. Daheim im Hamburger Kiez fragt der junge Mark beharrlich nach dem Verbleib seines besten Freundes und bekommt beim Dönermann schließlich die kompakte Antwort: „Kadir ist Dschihad“.

 

Derweil übt Kadir im Trainingslager des sogenannten „Islamischen Staates“ für den Massenmord. Und durchlebt einen absurden Alltag: Dumpfe Langeweile, wenn er mit seinen ebenfalls aus „dem Westen“ eingereisten Kumpanen stundenlang Rambo-Filme schaut. Namenloses Entsetzen, als er zusieht, wie im Namen Gottes mehreren Menschen unter allgemeinem Jubel der Kopf abgeschlagen wird.

 

Auf tagelanges Nichtstun folgt das Training am Maschinengewehr, anschließend steht die Vergewaltigung einer 15-jährigen „IS“-Gefangenen auf dem Programm. Später wird er sich dann wieder um die süße kleine, rot-weiß gefleckte Katze kümmern, die er in einer Mülltonne gefunden hat. Seine „Katze des Propheten“.

 

„Auswanderer“ mit Bomben im Gepäck

 

Eine wichtige Besonderheit des Romans, der sich ausdrücklich auch an Jugendliche wendet: Er basiert auf realen Fällen. Kadir ist zwar eine erfundene Figur, steht aber exemplarisch für inzwischen über 800 junge Männer, die aus Deutschland nach Syrien in die Camps des „IS“ gereist sind. Rund ein Viertel von ihnen haben türkische Wurzeln. Genauso wie Kadir, die Romanfigur. Viele dieser „Auswanderer“ sind inzwischen wieder zurück in Deutschland. Der Verfassungsschutz kennt hierzulande über 8000 radikale Islamisten, einige hundert von ihnen gelten als gewaltbereit.

 

Was die Figur Kadir erlebt und wie sie handelt – das entspricht der Wirklichkeit. Sagen die Autoren. Man möchte ihnen kaum glauben, aber man muss es. Denn Benno Köpfer kennt sich damit aus, er arbeitet seit Jahren als wissenschaftlicher Analyst beim deutschen Verfassungsschutz. Sein Auftrag: Die Bekämpfung islamistischen Terrors. Köpfer studierte u.a. Islamwissenschaften in Freiburg, Kairo und Sanaa. Als Archäologe war er bei Ausgrabungen im Jemen und Syrien beteiligt und bereiste die islamische Welt zwischen Mauretanien und Pakistan. Der Islamwissenschaftler im Dienste des deutschen Inlandsnachrichtendienstes über die Romanfigur Kadir: „Leider steckt sehr viel Wirklichkeit in dieser fiktiven Figur.“

 

Ehre, Ruhm, Pflicht – und falsche Freunde

 

Köpfer bemüht sich mit seinen Kollegen beim Verfassungsschutz, die Ursachen zu erkunden, die zornige junge Männer in Deutschland zu Terroristen werden lassen. „Islam als Religion erklärt nur einen Teil des Rahmens, in dem sich Jugendliche für den Dschihad des IS begeistern lassen.

 

Es geht letztendlich um die Überwindung von Krisen in der Zeit des Erwachsenwerdens, um Identität, um die Frage: Wer bin ich?“, beschreibt Köpfer diesen Prozess. „Und hier kommen nun Antworten und Angebote von falschen salafistischen Freunden. Begriffe wie Ehre, Pflicht, Ruhm, Kampf für die gerechte Sache, Macht, Sieg oder Niederlage, Paradies und Hölle werden überhöht und bekommen enorme Bedeutung für den jungen Dschihad-Aspiranten.“

 

Diese „salafistischen Freunde“ agieren in Deutschland teilweise völlig unbehelligt unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit. Hans-Georg Maaßen, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, äußerte sich in einem Interview mit der „Welt am Sonntag“ unlängst über Moscheen in Deutschland: „Viele Häuser sind fundamentalistisch geprägt oder aufgrund ihrer salafistischen Ausrichtung gar Beobachtungsobjekt der Verfassungsschutzbehörden.“

 

Die teilweise blutigen Folgen salafistischer Propaganda in der eigenen Nachbarschaft werden der deutschen Gesellschaft immer schmerzhafter bewusst. Die Konsequenzen der Erkenntnis sind mit Blick auf Diskussionen um einfache Verbote oder doppelte Staatsbürgerschaften sagen wir mal: vielfältig. Hamburg etwa, die Heimatstadt der Romanfigur Kadir, unterhält, wie übrigens auch andere Städte, eine öffentlich finanzierte „Fachstelle für religiös begründete Radikalisierung“.

 

Diese Fachstelle, die sich u.a. mit „systemischer Ausstiegsberatung“ befasst, beschäftigt neuerdings immerhin neun Mitarbeiter. Diese „beraten Angehörige von Menschen, die eine gewaltorientierte extremistische Religionsauslegung vertreten und/oder sich einem Milieu zugehörig fühlen, in dem eine solche Religionsauslegung dominiert.“

 

Hin- und hergerissen zwischen entgegengesetzten Welten

 

Das Milieu. Es gelingt den Romanautoren, die Welt Kadirs realistisch und nachvollziehbar zu zeichnen: Das konservative türkische Elternhaus, der abwesende Vater, die opponierende Schwester, der Job im Lebensmittelladen des Onkels. Seit Anfang der 90er Jahre kennt man in Deutschland den Begriff Parallelgesellschaft u.a. für die Selbstorganisation oder gar Abschottung einer Minderheit von der Mehrheitsgesellschaft.

 

Kadir erlebt beide Seiten: Den Fußballverein und die Koranschule. Den deutschen Freund und die türkische Clique. Die radikalen „Brüder“ im islamischen „Kulturverein“ und die verzweifelt um politische Korrektheit bemühte und dabei bedrückend naive Gymnasiallehrerin.

 

Kadir ist hin- und hergerissen zwischen entgegengesetzten Welten und Weltanschauungen. Eine sehr reale Fiktion. (Co-)Autor Peter Mathews über die Geschichte von Kadir: „Alles erfunden und deshalb wahr.“ Es ist Mathews, bekannt unter anderem für gelungene Krimis, zu verdanken, dass ein komplexes Thema in einem dynamischen Plot mit lebendigen Charakteren spannend vermittelt wird.

 

Ein Glücksfall, dass sich der Islamwissenschaftler Köpfer und der Schriftsteller Mathews für dieses Buchprojekt zusammengetan haben. Der Roman berührt und bestürzt, vermittelt Kenntnis und Erkenntnis. Das (Jugend)buch stellt schwierige Fragen, ohne einfache Antworten zu liefern. Die Geschichte von Kadir ist ein fesselnder und überzeugender Roman. Ein Roman, der zu wahr ist, um (im landläufigen Sinne) schön zu sein.

 

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Über Wagih Felbermayer

Chefredakteur der Presseagentur Euro Arab Press Fotoreporter Webdesigner

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