Missbrauch: Neue Anschuldigen von Erzbischof Viganò

Der Vatikan hat Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs an den Messdienern des Papstes vertuscht, soll der italienische Erzbischof Viganò in einem Interview mit der „Washington Post“ behauptet haben.

Anfang Juni veröffentlichte die „Washington Post“ ein ausführliches, schriftlich geführtes Interview mit dem italienischen Erzbischof Carlo Viganò. Die Antworten des Erzbischofs umfassten der „Post“ zufolge 8000 Wörter. Einige Passagen veröffentlichte die Zeitung allerdings nicht, nach Angaben der Redaktion aus dem Grund, da die darin erhobenen Vorwürfe nicht verifiziert werden konnten.

Das amerikanische Online-Nachrichtenportal „Lifesitenews“ hat nun ein ausführliches Statement Viganòs publiziert, bei dem es sich um Passagen des Interviews mit der „Washington Post“ handeln soll, die die Zeitung aufgrund unklarer Faktenlage zurückhielt.

Gleicht man Viganòs Äußerung bei „Lifesitenews“ mit dem Original-Interview der „Post“ ab, so stellt man fest, dass es sich dabei um die Fortsetzung der Antwort des Erzbischofs auf eine Frage handelt, die im Original nach einem Absatz bereits zu Ende ist. „Lifesitenews“ gibt an, die ausführliche Antwort habe „wichtige Informationen über Anschuldigungen des sexuellen Missbrauchs gegen einen hohen Beamten des Heiligen Stuhls sowie über die Vertuschung seitens eines ehemaligen Seminaristen und nunmehrigen Priesters“ erhalten. Daher habe man die Passagen veröffentlicht.

Der Name einer Person sei jedoch von „Lifesitenews“ entfernt worden, weil die Redaktion an dieser Stelle keine ausreichende Grundlage für die Anschuldigungen habe finden können. Wie das Nachrichtenportal in den Besitz der angeblichen, bisher unveröffentlichten Passagen des Viganò-Interviews gelangte, ist nicht bekannt.

Washington Post: Sehen Sie Anzeichen dafür, dass der Vatikan unter Papst Franziskus geeignete Schritte unternimmt, um das ernste Problem des Missbrauchs anzugehen? Wenn nicht, was fehlt Ihrer Meinung nach?

Viganò: Die Zeichen, die ich sehe, sind wirklich unheilvoll. Papst Franziskus tut nicht nur fast nichts, um diejenigen zu bestrafen, die sich des Missbrauchs schuldig gemacht haben, sondern er tut auch absolut nichts, um diejenigen zu entlarven und vor Gericht zu bringen, die es den Tätern seit Jahrzehnten leichtgemacht und deren Taten gedeckt haben. Um nur ein Beispiel zu nennen: Kardinal Wuerl, der die Taten von McCarrick und anderen jahrzehntelang vertuschte, und dessen wiederholte und unverhohlene Lügen sich allen, die aufmerksam waren, offenbarten, musste wegen der Empörung der Bevölkerung in Schande zurücktreten. Doch als Papst Franziskus seinen Rücktritt annahm, lobte er ihn für seinen „Edelmut“. Welche Glaubwürdigkeit hat der Papst nach einer solchen Aussage?

Aber ein solches Verhalten ist keineswegs das Schlimmste. Um auf den Gegenstand des Gipfels, den Missbrauch von Minderjährigen, zurückzukommen, möchte ich Sie nun auf zwei wirklich schreckliche Fälle aus der jüngeren Vergangenheit aufmerksam machen, in denen es um Anschuldigungen von Straftaten gegen Minderjährige während der Amtszeit von Papst Franziskus geht.

Der Papst und viele Würdenträger in der Kurie sind sich dieser Anschuldigungen sehr wohl bewusst, aber in keinem der beiden Fälle wurde eine offene und gründliche Untersuchung erlaubt. Ein objektiver Beobachter kann nicht anders, als zu vermuten, dass schreckliche Taten vertuschen werden.

Der erste Fall soll sich innerhalb der Mauern des Vatikans am Kleinen Seminar Pius X. abgespielt haben, das nur wenige Schritte von den Domus Sanctae Marthae entfernt liegt, wo Papst Franziskus lebt. Das Seminar bildet Minderjährige aus, die als Ministranten in der Peterskirche und bei päpstlichen Zeremonien dienen.

Der Seminarist Kamil Jarzembowski, ein Mitbewohner eines der Opfer, behauptet, Dutzende Vorfälle sexueller Gewalt erlebt zu haben. Zusammen mit zwei anderen Seminaristen zeigte er den Täter an, zuerst persönlich bei seinen Seminaroberen, dann schriftlich bei Kardinälen und schließlich 2014, wiederum schriftlich, bei Papst Franziskus selbst.

Eines der Opfer war ein Junge, der angeblich seit seinem 13. Lebensjahr fünf Jahre lang missbraucht wurde. Der mutmaßliche Täter war der damals 21-jährige Seminarist Gabriele Martinelli.

Für das Kleine Seminar ist die Diözese Como zuständig. Geleitet wird es vom Verein „Don Folci“. Eine vorläufige Untersuchung wurde Andrea Stabellini, dem Offizial von Como, übertragen.

Dieser fand eine ausreichende Beweislage für weitere Untersuchungen. Ich erhielt aber aus erster Hand Informationen darüber, dass seine Vorgesetzten ihm verboten haben, die Untersuchung fortzusetzen. Er kann für sich selbst aussagen, und ich bitte Sie, ihn zu interviewen. Ich bete dafür, dass er den Mut findet, Ihnen zu erzählen, was er mir so mutig mitteilte.

Darüber hinaus erfuhr ich, wie die Behörden des Heiligen Stuhls mit diesem Fall umgegangen sind. Nachdem Don Stabellini die Beweise gesammelt hatte, wurde der Fall sofort vom damaligen Bischof von Como, Diego Coletti, zusammen mit Kardinal Angelo Comastri, dem Generalvikar des Papstes für die Vatikanstadt, vertuscht.

Außerdem forderte der damalige Präsident des Päpstlichen Rates für die Gesetzestexte, Kardinal Coccopalmerio, den Don Stabellini konsultiert hatte, nachdrücklich, die Untersuchung einzustellen.

Sie werden sich vielleicht wundern, wie dieser schreckliche Fall abgeschlossen wurde: Der Bischof von Como entfernte Don Stabellini aus dem Amt des Offizials. Der Informant, der Seminarist Kamil Jarzembowski, wurde aus dem Seminar ausgeschlossen.

Die beiden anderen Seminaristen, die zusammen mit ihm Anzeige erstatteten, verließen das Seminar; und der angebliche Täter, Gabriele Martinelli, wurde im Juli 2017 zum Priester geweiht. All dies geschah innerhalb der Mauern des Vatikans, und während des Gipfels kam nichts davon zur Sprache.

Der Gipfel war daher äußerst enttäuschend. Denn es ist Heuchelei, Missbrauch an Minderjährigen zu verurteilen und zu behaupten, mit den Opfern zu sympathisieren, während man sich weigert, sich den Tatsachen ehrlich zu stellen. Eine geistliche Neubelebung des Klerus dringend notwendig, aber sie wird letztendlich wirkungslos sein, wenn es keine Bereitschaft gibt, das eigentliche Problem anzugehen.

Der zweite Fall betrifft Erzbischof Edgar Peña Parra, den Papst Franziskus zum neuen Substituten im Staatssekretariat ernannt hat, und der damit die drittmächtigste Person in der Kurie ist.

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Über Wagih Felbermayer

Chefredakteur der Presseagentur Euro Arab Press Fotoreporter Webdesigner

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