Forscher rätseln über Ursache Warum bekommen immer mehr junge Menschen Darmkrebs?

Berliner Zeitung

Die absoluten Zahlen sind gering, aber die Steigerungsraten immens – und beunruhigend. Die Häufigkeit von Darmkrebs nimmt in Europa bei jungen Menschen seit etlichen Jahren deutlich zu, wie ein internationales Forscherteam im Fachblatt Gut berichtet.

In Deutschland hat sie sich bei den 20- bis 29-Jährigen binnen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Über die Gründe dafür lässt sich bislang nur spekulieren.

Besonders erschreckend: Die Studie belegt, dass sich der Anstieg gerade in den letzten Jahren deutlich beschleunigt hat. Dass diese Entwicklung auch Industrieländer wie Australien, Neuseeland und Kanada betrifft, zeigt eine zweite Studie in der Zeitschrift Lancet Gastroenterology & Hepatology.

Christian Pox, Chefarzt der Medizinischen Klinik im St. Joseph-Stift Bremen, der nicht an den Studien beteiligt war, bezeichnet die Erkenntnisse als wichtig.

„Wir müssen den Trend aufmerksam beobachten“, sagt er. Darmkrebs ist in Deutschland nach Brustkrebs die zweithäufigste Krebserkrankung. Pro Jahr werden solche Tumore bundesweit bei mehr als 60.000 Menschen neu diagnostiziert, jährlich sterben mehr als 25.000 Patienten an der Krankheit. Weltweit wurden 2018 schätzungsweise 1,8 Millionen Darmtumore neu festgestellt.

Hauptrisikofaktor für die Erkrankung ist das Alter. Mehr als die Hälfte der Erstdiagnosen entfällt in Deutschland auf Menschen, die älter als 70 Jahre sind. Allerdings geht die Häufigkeit hierzulande seit Anfang der 2000er-Jahre bei der älteren Bevölkerung zurück, wie deutsche Krebsregisterzahlen zeigen. Demnach sank zwischen 2002 und 2014 in der Altersgruppe ab 50 die jährliche Rate von knapp 204 pro 100.000 Menschen auf rund 161 – ein Rückgang um rund 20 Prozent.Dass dieser Trend auch für andere Länder gilt, berichtet ein Team um Marzieh Araghi von der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) in Lyon in der Lancet-Veröffentlichung.

Darin werteten die Forscher Krebsregister bis zum Jahr 2014 für sieben Industrieländer aus – und zwar Dänemark, Großbritannien, Irland und Norwegen sowie Australien, Neuseeland und Kanada. „Bei Menschen ab 50 Jahren stellten wir eine sinkende Häufigkeit in den meisten untersuchten Ländern fest“, schreiben die Forscher.

Den Rückgang erklären sie mit der Früherkennung durch Stuhltests oder Darmspiegelungen, die überwiegend auf Menschen ab 50 beschränkt ist.

 „In Ländern wie Australien, Kanada und Großbritannien, wo das Bevölkerungsscreening früher begonnen hat, nämlich 2006, scheinen die Rückgänge bei Darmkrebs in den letzten Jahren ausgeprägter zu sein.“ In Deutschland läuft die Vorsorge bereits seit 2002.


Ganz anders ist die Entwicklung bei Männern und Frauen unter 50, für die die gesetzliche Vorsorge nicht gilt. Hier nahm die Rate in den meisten Ländern zu – und am deutlichsten bei Menschen zwischen 20 und 29 Jahren. In Dänemark stieg in dieser Gruppe die Häufigkeit für Dickdarm- wie für Mastdarmkrebs von 2004 bis 2014 um jeweils etwa 18 Prozent pro Jahr. Andere Länder hatten eine ähnliche Entwicklung, wenn auch schwächer ausgeprägt.

„Verglichen mit den um 1925 Geborenen hat die um 1990 geborene Generation in Norwegen ein verdoppeltes altersspezifisches Risiko für Dickdarmkrebs und ein verfünffachtes Risiko für Mastdarmkrebs“, schreiben die Autoren.

 Ähnliche Trends habe man für die um 1990 geborenen Kohorten in Australien, Kanada, Neuseeland und Großbritannien festgestellt. „Das ist sehr beunruhigend“, sagt Michael Hoffmeister, der am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg die Entwicklung von Darmkrebs verfolgt. Diese Entwicklung sei schon aus den USA bekannt gewesen und habe bei Medizinern für Aufmerksamkeit gesorgt. „Die beiden Studien zeigen dies nun zum ersten Mal für Europa und einige andere wohlhabende Länder.“

In der im Fachblatt Gut veröffentlichten Studie analysierte ein Team um die Gastroenterologin Manon Spaander von der Universitätsklinik Rotterdam die Daten von knapp 144 Millionen Menschen im Alter von 20 bis 49 Jahren aus 20 europäischen Ländern, darunter Deutschland.

Demnach stieg die Häufigkeit der Darmkrebsfälle bei den 20- bis 29-Jährigen zwischen 1990 und 2016 um fast das Dreifache – von 0,8 auf 2,3 Fälle pro 100.000 Menschen. Gerade im letzten Jahrzehnt beschleunigte sich die Zunahme deutlich.

Das bestätigen die Zahlen des deutschen Zentrums für Krebsregisterdaten: Demnach stieg in Deutschland die jährliche Rate von 1999 bis 2014 pro 100.000 Menschen bei den 20- bis 29-Jährigen von 0,96 auf 2,3. In der Gruppe der 30 bis 39-Jährigen erhöhte sie sich von 4 auf 5,7 und bei den 40- bis 49-Jährigen von 16,6 auf 18,9. Zum Vergleich: In der Gruppe von 50 bis 74 Jahren sank der Wert in dem Zeitraum von 137 auf knapp 111 – wozu auch die Früherkennung einen Teil beiträgt.

Als Ursachen vermutet der Bremer Mediziner Pox veränderte Lebensgewohnheiten. Übergewicht, schlechte Ernährung, mangelnde Bewegung, Alkoholkonsum und Rauchen seien die klassischen Risikofaktoren für Darmkrebs. Belegt sei überdies, dass Übergewicht und Fettleibigkeit bei jungen Menschen zunehmen.

Manche Studien deuten zudem darauf hin, dass jüngere Menschen tendenziell aggressivere Tumorvarianten haben. So berichtete US-Forscher kürzlich im Fachblatt Cancer, dass Patienten unter 50 Jahren im Vergleich zu älteren bei der Erstdiagnose häufiger Tochtergeschwulste (Metastasen) haben. Allerdings betont der Bremer Gastroenterologe, dass die Sterblichkeit bei jüngeren Menschen nicht gestiegen sei.

Dies könne an besseren Therapien liegen, vermutet er. Experten fragen sich nun, wie auf die beunruhigende Entwicklung reagiert werden sollte. Frühere Früherkennung ist eine Strategie. Richtlinien empfehlen in Europa ein Darmkrebs-Screening ab dem Alter von 50 Jahren.

In den USA riet die Amerikanische Krebsgesellschaft 2018 angesichts des Trends, die Früherkennung schon ab 45 Jahren zu starten.Die Krankheit: Unter dem Begriff Darmkrebs werden Krebserkrankungen des Dickdarms, des Mastdarms und seltenere Krebserkrankungen des Afters zusammengefasst. Mehr als die Hälfte der Betroffenen erkrankt ab dem 70. Lebensjahr.

Die Vorsorge: Gesetzlich Krankenversicherte im Alter von 50 bis 54 Jahren können jährlich einen Test auf verstecktes Blut im Stuhl durchführen lassen. Ab 55 Jahren – für Männer neuerdings ab 50 Jahren – besteht ein Anspruch auf eine Darmspiegelung (Koloskopie).

Die Alternative: Versicherte ab 55 können auch alle zwei Jahre den Stuhltest wahrnehmen, der bei auffälligem Befund durch Koloskopie abgeklärt wird. Bei der Spiegelung können Darmpolypen entfernt werden, die sich sonst potenziell zu bösartigen Tumoren entwickeln könnten.  „Aus mehreren Gründen liefern unsere Studienresultate kein Argument dafür, die Früherkennung in Europa ab dem Alter von 45 Jahren zu beginnen“, schreiben die Forscher um Manon Spaander. Die absoluten Fallzahlen seien in dieser Altersgruppe bislang relativ gering, und der höchste Zuwachs betreffe ohnehin Menschen von 20 bis 29 Jahren. Zudem verursache die Früherkennung hohe Kosten.

Es sei verfrüht, die neuen Daten als Argument für ein Screening der 45- bis 50-Jährigen zu deuten. Das sehen die deutschen Experten Pox und Hoffmeister ähnlich. Hierzulande wurde das Mindestalter für die Kostenerstattung der Darmspiegelung gerade erst von 55 auf 50 Jahre herabgesetzt – allerdings nur für Männer. Frauen müssen weiterhin bis 55 warten. „Wir empfehlen die Koloskopie auch für Frauen ab 50“, sagt Pox.

Allerdings sei das Darmkrebsrisiko 50-jähriger Männer vergleichbar mit dem von Frauen im Alter von 60 bis 65 Jahren. Insofern sei die derzeitige Regelung medizinisch gerechtfertigt.

Bezüglich der Vorsorge, sagt Pox, lasse sich Deutschland kaum mit anderen europäischen Ländern vergleichen. „Wir haben hierzulande eine einzigartige Situation.“ So zahlen die Kassen etwa in den Niederlanden, Skandinavien und Großbritannien den Stuhltest, nicht aber die bessere – und auch teurere – Darmspiegelung. Bei dieser Untersuchung kann der Arzt auffällige Wucherungen der Darmschleimhaut gleich entfernen.

Die Resonanz in der Bevölkerung auf das Angebot ist indes verhalten – wohl auch, weil die Prozedur unangenehm ist. Die Koloskopie nehme in Deutschland nicht einmal jeder vierte Berechtigte wahr, bemängelt Pox.

Dabei könne diese Vorsorge etwa 70 Prozent der Darmkrebsfälle verhindern. Hoffmeister gibt jedoch zu bedenken, dass sich mehr Menschen einer Darmspiegelung unterziehen – wenn auch nicht im Rahmen des Screenings. Fast 60 Prozent der älteren Menschen in Deutschland hatten demnach schonmal eine Darmspiegelung, etwa wegen Verdauungsbeschwerden oder Blut im Stuhl.


Grundsätzlich empfehlen beide Experten, die Zunahme von Darmkrebs bei jüngeren Menschen abzuklären. „Das Problem ist, dass man die genauen Ursachen nicht kennt“, sagt Hoffmeister. „Die Zusammenhänge müssen genauer untersucht werden.“

Erschwert werde die Ursachenforschung aber durch die geringen Fallzahlen bei Jüngeren.Ziel sei es, so schreibt das Team um Spaander, die besonders gefährdeten jungen Menschen zu identifizieren, bei denen schon eine frühe Vorsorgeuntersuchung sinnvoll sei.

Pox verweist auf die Bedeutung des Lebensstils zur Vermeidung von Darmkrebs: kein Übergewicht, nicht rauchen, körperliche Aktivität, Gemüse und Ballaststoffe – statt jeden Tag Fleisch. Das, betont der Experte, schütze auch vor anderen Erkrankungen. (dpa/fwt)

Über Wagih Felbermayer

Chefredakteur der Presseagentur Euro Arab Press Fotoreporter Webdesigner

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