Kann man Liebe befehlen?

Kardinal Christoph Schönborn

Jesus sagt: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander!“

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 19. Mai 2019 (Joh 13,31-33a.34-35)

Die Bibel sagt es klar: Das wichtigste, höchste Gebot heißt Liebe! Du sollst Gott lieben! Du sollst deinen Nächsten lieben! Und auch dich selber! Aber kann man Liebe befehlen? Kann man sie verordnen, sie zur Pflicht erklären? Gibt es gar einen Zwang zur Liebe? Ist Liebe nicht das Freieste, was es gibt? Wenn wir etwa von Zwangsheirat hören, sträubt sich alles in uns dagegen. Kann man zwei Menschen zwingen, einander zu lieben? Was tun, wenn Liebe nicht erwidert wird? Kann ich von einem Menschen, der mir lieb ist, verlangen, dass er mich zurücklieben muss?

Was hat es mit der Liebe auf sich? Jesus hat sie zur Mitte seiner Lehre gemacht. Aber was hat er darunter verstanden? Kann man genau sagen, was die Liebe ist? Vielleicht kommen wir der Liebe näher, wenn wir von einer allen Menschen zugänglichen Erfahrung ausgehen. Eines ist sicher: Wir wollen alle geliebt werden! Nichts ist im Leben schwerer als Mangel an Liebe. Aller Reichtum nützt nichts, wenn die Liebe fehlt. Dann kann das Leben trotz allen Reichtums nur schrecklich sein. Es mag einem alles fehlen, solange die Liebe nicht fehlt. Wir sehnen uns alle nach Liebe. Niemand beklagt sich darüber, von anderen geschätzt, gemocht, geliebt zu werden. Was aber heißt es, dass ich lieben soll? Kann ich das lernen? Kann es mir geboten werden?

„Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander!“ Ich glaube nicht, dass Jesus jemals daran gedacht hat, er könne die Liebe befehlen. Er weiß genau, dass Liebe nur frei geschenkt, nie aber erzwungen werden kann. Deshalb gibt er auch eine praktische Anweisung, wie Liebe „funktionieren“ kann: „Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“ Wir wissen aus Erfahrung, dass wir am besten durch Vorbilder lernen. Jesus lädt uns einfach dazu ein, zu schauen, wie er sein eigenes Gebot gelebt hat. Und fügt gleich hinzu, dass seine Anhänger nur dann glaubwürdig als seine Jünger erkannt werden, wenn sie tun, was er getan hat: „wenn ihr einander liebt.“

Wenn Liebe so lebensnotwendig ist, warum gibt es dann so viel Lieblosigkeit? Jesus hätte ja die Liebe nicht geboten, wenn wir immer nur aus Liebe handeln würden. Deshalb ist das Bemühen um die Liebe eine lebenslange Aufgabe. Wie also lernen wir lieben? Jesus hat dazu eine einfache Regel gegeben: Behandle die anderen so, wie du selber behandelt werden möchtest.

Was also will ich, wenn ich geliebt sein möchte? Als Erstes und Wichtigstes: dass man mir wohl will, dass ich von anderen angenommen, geschätzt, bejaht werde! Wo erfahre ich zuerst dieses Wohlwollen? Als Kind durch die Liebe der Eltern! Sie zeigen mir durch ihr Verhalten, dass ich willkommen bin. Schlimm, wenn ein Kind das nicht von klein auf erleben darf! Die Zuneigung der Eltern ist der erste Lernort der Liebe. Wo lernen wir noch, dass wir angenommen sind? In der Freundschaft! Wie gut tut uns das gegenseitige Wohlwollen zwischen Freunden! Da können wir erfahren, was es heißt, angenommen zu sein. Ganz stark wird das im Eros erlebt, in der gegenseitigen Anziehung, die dann auch den leiblichen Ausdruck sucht, bis zur sexuellen Vereinigung. Sex alleine, ohne gegenseitige Wertschätzung, kann nicht Liebe genannt werden.

Vollkommen reift die Liebe, wenn sie zur selbstlosen Hingabe wird, wenn zum Beispiel einer den anderen in Krankheit bis zuletzt pflegt. Von dieser Liebe spricht Jesus, wenn er sagt, wir sollen einander so lieben, wie er uns geliebt hat: bis zur Hingabe seines Lebens für uns.

erstellt von: Kardinal Christoph Schönborn

Katholische Kirche Erzdioezese Wien

Über Wagih Felbermayer

Chefredakteur der Presseagentur Euro Arab Press Fotoreporter Webdesigner

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