Die neuen Sklaven Europas

Große Teile der italienischen Landwirtschaft leben von der Ausbeutung afrikanischer Migranten. Im Süden des Landes funktioniert das System besonders perfide. Auch deutsche Konsumenten können sich mitschuldig machen.

Von Jan-Christoph Kitzler, ARD-Studio Rom

Wenn die neuen Sklaven Europas es nicht mehr aushalten, dann landen sie zum Beispiel hier: in einer Ambulanz der Hilfsorganisation Emergency in Polistena in Kalabrien. Heute ist ein 40-jähriger Mann aus Gambia in Behandlung. Er hat starke Bauchschmerzen.

Seinen Namen will der Mann aus Angst vor denen, die er als seine Herren bezeichnet, nicht nennen. Aber in seiner Heimatsprache, Wolof, die ein Freund von ihm übersetzt, erzählt er von seiner Arbeit in der Landwirtschaft: „Die Arbeit ist sehr schwer. Wir ernten die Früchte und tragen sie auch zum Laster. Dafür gibt es 25 Euro am Tag – für neun, zehn Stunden Arbeit.“ Manchmal werde er nicht pro Tag bezahlt, sondern kriege stattdessen einen Euro pro Kiste. „Wer jung und stark ist, schafft etwa 25 Kisten am Tag. Aber es ist sehr schwer.“

Und mit ihren Verletzungen kommen sie dann zu Jean de Dieu. Der junge Mann aus Burundi arbeitet hier in Polistena als Krankenpfleger. „Manchmal kommen sie mit Verletzungen an den Füßen, einfach, weil sie keine Stiefel in der richtigen Größe haben“, erzählt de Dieu. „Die meisten Arbeitgeber kümmern sich nicht um die Arbeitssicherheit.“ Warum die Männer sich das antun? „Sie haben keine Wahl“, sagt de Dieu. „Sie nehmen, was kommt.“

System in Süditalien besonders perfide

Große Teile der italienischen Landwirtschaft leben von der Ausbeutung der Migranten. Nicht nur in Süditalien. Aber hier, wo Schwarzarbeit und Ausbeutung Tradition haben, funktioniert das System besonders perfide. So genannte Caporali, ein Name für einen Rang beim Militär, treten hier als Arbeitsvermittler auf: Sie besorgen den Landwirten billige Arbeitskräfte und verdienen kräftig daran.

In solchen Zeltstädten leben die Arbeiter.

Staatsanwältin Marisa Manzini aus Cosenza hat gerade erst einen Ring von Sklavenhaltern ausgehoben. Der Betreiber einer Flüchtlingsunterkunft in den Bergen hatte seine rund 40 Schützlinge für einen Hungerlohn zum Arbeiten auf die Felder geschickt. „Sie wurden morgens ganz früh rekrutiert, als es noch dunkel war“, erzählt Manzini. Dann wurden sie auf die Felder gebracht, wo sie gewartet haben, bis es heller wurde. Und da haben sie dann den ganzen Tag Kartoffeln geerntet. Ohne eine Pause, dafür mit ständiger Überwachung und Drohungen.“ Bis zum Abend hätten die Männer geschuftet.

Staatsanwältin Manzini, die sich in Kalabrien nur mit ihren Leibwächtern bewegen kann, findet, es müsse mehr gegen die Ausbeutung getan werden. Es gibt jetzt ein neues Gesetz, das nicht nur die Caporali bestraft, sondern auch die Landwirte. Allein: Es fehlten die Mittel zu ihrer Durchsetzung. In Ihrer Staatsanwaltschaft sei die Hälfte der Stellen nicht besetzt.

20 Euro für 14 Stunden Arbeit

Yvan Sagne kommt ursprünglich aus Kamerun. In Turin ist er zum Ingenieur geworden. Er hat eine Stiftung gegründet, die gegen die Ausbeutung in der Landwirtschaft kämpfen will. Auch, weil er am eigenen Leib erlebt hat, was das bedeutet. Vor sechs Jahren geriet er in die Fänge eines Caporale: „Er zahlte mir für jede Kiste à 300 Kilo 3,50 Euro. Für 300 Kilo!“ Fünf Kisten habe er am Tag geschafft. „Das sind 20 Euro für 14 Stunden Arbeit. Davon musste ich noch fünf Euro für den Transport abziehen und 3,50 Euro für das Brot. Am Ende hatte ich nichts mehr. Nach fünf Tagen habe ich ‚Nein‘ gesagt.“

Damals organisierte Sagne einen Streik, der eineinhalb Monate dauerte. Es war der erste Streik von ausländischen Arbeitskräften in Italien. Seitdem sei das Thema in der Öffentlichkeit. Auch wenn es noch viel zu tun gäbe: „Coop, Auchan, Carrefour und Lidl: Die großen Lebensmittelunternehmen sind die wahren Schuldigen, denn am Ende entscheiden sie über die Preise für die Produkte“, sagt Sagne. Und so werden auch die Verbraucher, die die billigen Tomaten aus Süditalien kaufen, unbewusst zu Mitschuldigen.

 

 

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Über Wagih Felbermayer

Chefredakteur der Presseagentur Euro Arab Press Fotoreporter Webdesigner

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