Die Konservativen und der Islam

Der Übergang der Moderne zur Postmoderne hat vieles in Europa in Frage gestellt, dessen Gültigkeit noch bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts als unbezweifelbar galt. Der amerikanische Politiker und Autor Patrick Buchanan spricht sogar vom „Tod des Westens“  dessen wirtschaftliche und militärische Macht derzeit noch seine innere Schwäche überspielt. Konservative stehen dieser Lage jedoch recht hilflos gegenüber. Sie entwickeln keine wirksame Strategie des politischen Handelns für die Bewahrung grundlegender sozialer und humaner Werte, sondern greifen zu „Mehr desselben“.

In seiner amüsanten und zugleich nachdenklich stimmenden „Anleitung zum Unglücklichsein“ schreibt der Psychotherapeut Paul Watzlawick, dass sich in diesen beiden einfachen Wörtern „eines der erfolgreichsten und wirkungsvollsten Katastrophenrezepte“ verberge, „das sich auf unserem Planeten im Laufe der Jahrmillionen herausgebildet und zum Aussterben ganzer Gattungen geführt hat“. „Mehr desselben“ ist das sture Festhalten an Anpassungen und Lösungen, die irgendwann einmal erfolgreich waren, es aber nicht mehr sind, weil die Umstände sich im Laufe der Zeit geändert haben.

Mehr desselben – dies ist die Haltung vieler europäischer Konservativer gegenüber dem Islam. Sie machen sich Sorgen um den Verlust grundlegender Werte in der Postmoderne, die zu den Voraussetzungen eines gelingenden Zusammenlebens in jedweder Gemeinschaft zählen. Anstatt jedoch in den verschiedenen politischen Lagern und Bevölkerungsgruppen nach Mitstreitern zu suchen, die ebenfalls für die Familie, für das Gemeinwesen und auch für den Respekt religiöser Namen und Symbole eintreten, lassen sie sich zu einem Windmühlenkampf gegen die „Islamisierung des Abendlands“ verleiten. Sie kämpfen wieder gegen „die Türken vor Wien“, weil sie nicht erkennen, dass Muslime in einem Kampf um die Bewahrung konservativer Werte Bündnispartner sein könnten. Heute steht nämlich ein anderer, gefährlicherer Gegner vor den Toren, der nur mit Hilfe der Muslime besiegt werden kann.

Westliche „Werte“ und muslimischer Widerstand

Seit einigen Jahren werden wir im Westen einer radikalen säkularen Umgestaltung unserer Lebensverhältnisse unterzogen, die mal abrupt und offen geschieht, mal eher schleichend vonstattengeht. Die Religion wird lächerlich gemacht, und in den USA werden „Tempel“ betrieben, die dem Satanskult gewidmet sind. Die Nationen sollen aufgelöst, Kulturen und Traditionen sollen durcheinandergewürfelt werden, bis alle Unterschiede ausgelöscht sind. Die Atomisierung der Individuen nach dem „Sandhaufenmodell“ der Gesellschaft soll vorangetrieben werden, um sie anschließend umso besser in die von zentralen Bürokratien ersonnenen neuen Strukturen der Sozialtechnik hinein zu „befreien“.

Auch die natürlichen Unterschiede der Geschlechter werden geleugnet. Das Recht der Familien auf die Erziehung der Kinder wird immer mehr in außerfamiliäre Institutionen ausgelagert, da das Einkommen nur eines Elternteils nicht für die Bestreitung der Lebenshaltungskosten reicht. Diese Unterwerfung unter den Markt wird als „Befreiung“ hingestellt. Die „Grüne Jugend“ Deutschlands fordert gleich die Abschaffung der traditionellen Ehe und ihre Ersetzung durch Mehrpersonengruppen.

In den USA, „land of the free“ und Hort westlicher Werte, ist man freilich schon einen Schritt weiter: Mit dem Segen der „Universal Life Church“ kann man dort sein Haustier heiraten. Die Organisation „Marry Your Pet“ gibt dazu guten Rat und hält Erfahrungsberichte vor. In Baltimore, berichtet die Rheinische Post, „ließen sich jüngst sieben Herrchen und Frauchen mit drei Hunden, zwei Katzen, einer Schildkröte und einer Tarantel unter die Haube bringen“. Wer glaubt, das sei ein Scherz, ist leider im Irrtum. – Wenn dergleichen in den USA salonfähig ist, ist es eigentlich auch in Deutschland überfällig: In der Tageszeitung taz kann man bereits die freimütigen Bekenntnisse eines Herrchens nachlesen, das mit seiner Hündin „Cessie“ zusammenlebt sich zu seiner Zoophilie bekennt.

Dies alles ist Ausdruck eines völligen Verlusts an Orientierung, der letztlich zur Zerstörung der Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens führen muss. Es rührt sich jedoch auch Widerstand, beispielsweise gegen die respektlose Behandlung christlicher Namen und Symbole. Betrachten wir nur folgendes Beispiel: Ein Fernseh-Werbefilm für Ringkampf-Turniere, in dem Jesus als Catcher gegen Satan antritt, sorgte in den USA für Empörung: „Wir protestieren gegen diese geschmacklose und instinktlose Darstellung von Jesus“.

Wer protestierte hier? Das können doch nur Mitglieder der „religiösen Rechten“ der Republikaner gewesen sein! Intolerante Rassisten, weiße Suprematisten, christliche Fundamentalisten, Ewiggestrige? Nein, sondern – Nihad Awad, der geschäftsführende Direktor des in Washington D.C. ansässigen Rates für Amerikanisch-Islamische Beziehungen, „Council on American-Islamic Relations“ (CAIR).

Dass Jesus im Islam als Prophet und Vorgänger Mohammeds verehrt wird, muss man auch hierzulande immer wieder jenen ins Gedächtnis rufen, die meinen, sich bei Muslimen mit einer Form der „Toleranz“ anschleimen zu müssen, die sie durch die mitunter schon fast zwangsneurotische Herabsetzung des Christentums und seiner Symbole manifestieren. Beispielsweise eine obskure Gruppe junger Frauen in Russland, die sich den Namen „Fotzen-Aufruhr“ (Pussy Riot) zugelegt hatte und in Moskaus Christ-Erlöser-Kathedrale eindrang. Dort gaben sie Parolen von sich wie „Die Kirche ist die Scheiße Gottes“.

Westliche „Qualitätsjournalisten“ in Presse und Rundfunk machten aus der Beleidigung der Gläubigen und der Orthodoxen Kirche ein „Punk-Gebet“ oder ein „Protestlied“. Die Luther-Stadt Wittenberg schlug gar vor, den jungen Frauen den Lutherpreis zu verleihen. Da hätte man sich in Wittenberg ja auch gleich der „Tom of Finland Foundation“ anschließen können, die 1996 ein Bild des amerikanischen Malers Garilyn Brune mit dem Großen Preis des „Emerging Erotic Artist Contest“ auszeichnete. Auf diesem Gemälde wird ein Priester dargestellt, der am gekreuzigten Jesus Fellatio betreibt.

Muslime, das ist meine persönliche Erfahrung, respektieren Christen, die sich zu ihrer Religion bekennen. Sie werden daher wohl kaum Gefallen an Kirchenführern wie dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx und dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Heinrich Bedford-Strohm finden. Diese höchsten Vertreter der Kirche in Deutschland nahmen bei einem Besuch des Felsendoms ihr Kruzifix bzw. Kreuz ab – aus Respekt vor den Gastgebern, wie sie sagten. – Es ist zwar bizarr, aber angesichts solcher „Bekenner“ auch nicht weiter verwunderlich, dass Christen heute offenbar auf die Hilfe von Muslimen angewiesen sind, weil ihr Protest gegen die Herabsetzung ihrer heiligen Symbole und Namen sonst nicht mehr gehört werden würde. Oder weil sie selber nicht mehr genügend Kraft und Willen aufbringen, sich gegen dergleichen zur Wehr zu setzen.

Dies alles setzte zwar bereits in der Zeit der sogenannten Revolution von 1968 ein, hat sich aber seit dem Ende das Kalten Krieges beschleunigt. Seither steht die amerikanische Außenpolitik im Zeichen der Schaffung einer unipolaren Welt. Präsident George H.W. Bush gab in offiziellen Reden die Parole von der „new world order“ aus, der Neuen Weltordnung der Freiheit, der Demokratie und der Menschenrechte in jedem Land der Erde. Der Philosoph Francis Fukuyama verkündete das „Ende der Geschichte“ und den globalen Sieg des „American Way of Life“. Dieser Triumphalismus schuf den Nährboden für die Herausbildung einer „Grand Strategy“ für die Aufrichtung der amerikanischen Welt-Hegemonie. Nach dem Imperium auf der Basis der Rasse und dem Imperium der Klasse nun das Imperium der Kasse. Traditionelle, auf Familie und Gemeinde basierende Sozialordnungen, die Religion sowie souveräne Staaten und Nationen stehen dieser „Schönen Neuen Welt“ im Wege und müssen daher beseitigt werden.

Der Islam gewinnt in dieser Zeit einer immer unverblümter vorangetriebenen globalen Machtprojektion des Westens auch in der westlichen Welt selber immer mehr Anhänger. Er scheint den Menschen offenbar jene soziale und spirituelle Geborgenheit zu geben, die die von der laizistisch verfassten und von der „säkularen Rationalität“ gezeichnete Postmoderne ihnen nicht mehr geben kann. Der abtrünnige ehemalige „ökonomische Auftragskiller“ John Perkins, der in seinen Büchern die Unterwerfungsstrategien der transnational vernetzten Finanz- und Unternehmer-Aristokratie gegenüber der nichtwestlichen Welt enthüllt, zitiert eine indonesische Studentin mit den Worten:

Die Geschichte lehrt, dass der Glauben – die Seele, der Glauben an höhere Mächte – etwas Wesentliches ist. Wir Muslime haben ihn. Wir haben mehr davon, als sonst irgendjemand auf der Welt, sogar mehr, als die Christen. Daher warten wir ab. Wir werden stark“.

Der wiedererstarkende Islam ist aufgrund der konservativen Grundhaltung der Muslime ein Haupthindernis auf dem Wege der Aufrichtung der „Neuen Weltordnung“ nach amerikanischer Fasson. Kein Wunder, dass NATO-Generalsekretär Willy Claes daher in einem Beitrag für die Zeitschrift The Independent am 8. Februar 1995 zu Protokoll, gab, dass islamische Militanz eine große Bedrohung für die NATO und die westliche Sicherheit an sich sei. Die Terror-Angriffe auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September 2001 lieferten der westlichen Hegemonialmacht, sowie ihren Gefolgsstaaten und Claqueuren in Politik, Medien, Unternehmen, Banken und Universitäten eine Steilvorlage für den „Krieg gegen den Terror“.

Dieser sogenannte „Krieg“ ist jedoch in Wirklichkeit ein Krieg gegen den Islam im allgemeinen und jene islamischen Länder im besonderen, deren Regierungen sich der Machtprojektion des Westens widersetzen: Afghanistan, Irak, Syrien, Libyen, Sudan, Iran. Zugleich lieferte er den Eliten des Westens eine Erlösung aus der Sinnkrise, in die sie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Auflösung des Warschauer Paktes fielen. Die NATO, die verzweifelt nach einem neuen Feind suchte, um ihr Weiterbestehen zu rechtfertigen, hatte ihn endlich gefunden.

„Kapitalismus als Religion“ und westliche Radikalsäkularisierung

Der islamische Kulturkreis nimmt, anders als der Westen, seine Religion ernst. Muslimen, die in Europa leben, wird daher häufig vorgeworfen, „unsere Werte“ nicht anzunehmen und sich nicht in unsere Gesellschaft integrieren zu wollen. Kann man es ihnen jedoch wirklich verdenken, wenn sie sich nicht in Gesellschaften integrieren wollen, die so frivol mit ihren Grundlagen umgehen? Wir fragen nicht, wie sich aus ihrer Sicht unsere „Werteordnung“ heute darstellt.

Ein Leserbriefschreiber hat sich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in diese Debatte eingeschaltet und auf diese Frage eine provozierende Antwort gegeben:

„Kinder- und Alteneuthanasie, Genderwahn, Homoterror, Abtreibung von Menschen, Wegwerfgesellschaft, Nahrungsfabriken, Überwachungsmonströsität, political correctness, Marginalisierung religiösen vernünftigen Lebens, ‚Demokratie’ einer ideologisierten Clique“.

Ein anderer Leser stimmte ihm zu:

„Die seit 1968 zur Herrschaft gekommenen (Un)Werte haben sich de facto inzwischen selbst ad absurdum geführt … die für eine funktionierende Gesellschaft nötige Werte-Basis ist ganz offensichtlich nicht mehr gegeben“.

Es fällt auf, dass konservative Beobachter der politischen Lage die Terror-Angriffe vom 11. September 2001 auf das World Trade Center und das Pentagon nicht nur als Manifestation des islamischen Protestes gegen die imperialistische und neokoloniale Machtprojektion der westlichen Hegemonialmacht verstehen. Autoren wie der indisch-stämmige amerikanische Publizist Dinesh D‘Souza erkennen in ihnen auch den Ausdruck der Verachtung für die weitgehend religionslose westliche Kultur der Gegenwart. In einem provokanten Buch macht D’Souza die amerikanischen kulturellen Eliten sogar direkt für 9/11 verantwortlich. Ihre unerträgliche Arroganz, in Verbindung mit der Machtprojektion der USA durch die amerikanische Kultur und vermittels des amerikanischen Militärapparates in der islamischen Welt, hätten letztlich das Fundament gelegt, auf dem sich die Pläne zur Durchführung dieser ungeheuerlichen Taten entwickeln konnten.

Westliche Konservative und Muslime haben einen gemeinsamen Gegner: den modernen „Kapitalismus als Religion“, mit seinem Korrelat, dem Liberalen Radikalsäkularismus. „Kapitalismus als Religion“: Das ist der „Versuch, das vorgeblich auf Freiheit, Menschenrechten, Demokratie und Marktwirtschaft basierende politische System zu ‚universalisieren‘, das heißt, es allen Kulturkreisen zu oktroyieren“. Dieser Versuch „stößt in den letzten zwanzig Jahren zunehmend auf Widerstand. An der Spitze dieses Widerstandes steht heute der islamische Kulturkreis“.

Das Jahrhundert der Aufklärung und des radikal-individualistischen Säkularismus hat der Moderne eine ihr eigene Art der Dunkelheit gebracht, wie Benedict Anderson illusionslos anmerkt. Die westliche „Kulturrevolution“, die im Namen einer radikal-säkularistischen Turbo-Aufklärung die traditionellen Grundlagen des Zusammenlebens zerstört, stößt auf die Ablehnung seitens der Muslime, die konservativen Moralvorstellungen anhängen. Sie wollen mit der modernen westlichen „anything goes“-Leitkultur nichts zu tun haben. In dieser Beziehung stehen sie auf einer Seite mit Christen, schreibt der Kolumnist Adam Garrie.

Man kann aber auch Vertreter der klassischen politischen Linken zu diesem konservativen Lager zählen, auch solche, die sich zu keiner Religion bekennen, denn ohne konservative Werte kann man keinen Staat regieren, auch keinen sozialistischen. Das wussten die Lenker der früheren „realsozialistischen“ Staaten sehr genau. Daher geht es hier nicht um „Rechts“ oder „Links“. Die konservative Sorge um die Bewahrung der Grundlagen des Zusammenlebens ist jenseits dieser politischen Polarität angesiedelt.

Der westliche Blick auf den Islam wird jedoch durch die starke und einseitige Fokussierung auf Dschihadisten – Terroristen, Selbstmordattentäter, Islamisten und islamistische Neofundamentalisten – völlig verzerrt, wie sie beispielsweise die amerikanische Denkfabrik Gatestone Institute betreibt. Der Vorsitzende dieser Organisation ist seit 2013 John R. Bolton. Bolton, der ehemalige Botschafter der USA bei den Vereinten Nationen, ist ein in der Wolle gefärbter Neokonservativer, dessen gesamtes politischen Wirken der Durchsetzung der „Neuen Weltordnung“ und der amerikanischen Hegemonie gewidmet ist.

Dschihadisten wollen mit ihren monströsen Handlungen einen von lokalen Kulturen „gereinigten“ universellen „Gottesstaat“ errichten. Ihre Radikalität führt sie daher zur Gegnerschaft gegen normale Muslime, die nicht im Fokus von Denkfabriken wie dem Gatestone Institute stehen. Die terroristischen Anschläge der „Gotteskrieger“ richten sich gleichermaßen gegen alle, die ihren selbstgestrickten Vorstellungen vom Islam nicht entsprechen, also auch gegen Muslime, die sie für verwestlicht halten und solche, die schon lange im Westen leben.  Die weitaus überwiegende Anzahl der Opfer islamistischer Terroranschläge sind Muslime. Die heutige Furcht vor der „Islamisierung des Abendlands“ trägt daher mitunter paranoide Züge, die an die Angst vor „kommunistischer Unterwanderung“ in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erinnern. Dieter Süverkrüp hatte sie seinerzeit mit seiner „Moritat vom Kryptokommunisten“ (1967) karikiert, der morgens seine „Unterwanderstiefel“ anzieht und abends die Platte mit der H-Moll-Messe auflegt, weil er „nicht einmal privat mehr völlig unverstellt sein kann“.

Ein falsches Präsidentenwort zur richtigen Zeit

Besonnene Wortführer im Westen erkannten die Gefahr einer pauschal Anti-muslimischen Einstellung und ihrer Folgen für den sozialen Frieden in einem Land wie Deutschland, das sich auf die Dauer nicht vom legalen und geordneten Zuzug von Menschen anderer Kulturkreise, auch aus islamischen Ländern, abschotten kann.

„Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“.

Diese Worte sprach der damalige Bundespräsident Christian Wulff während seiner Rede zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit auf der zentralen Feier in Bremen. Dafür erntete er Lob und Tadel, wurde verspottet oder als Staatsmann gefeiert, der sich um die Integration der Muslime verdient gemacht habe.

Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ widersprach beispielsweise die Schriftstellerin Monika Maron.

Zum Islam gehört die Scharia, die Unterdrückung der Frauen und der Meinungsfreiheit, der Anspruch auf den einzigen und alleinigen Gott … Zu Deutschland gehören der Rechtsstaat, die Gleichstellung der Geschlechter, die Freiheit der Kunst, die Meinungs- und Religionsfreiheit, die Solidargemeinschaft, das Recht auf Bildung und gewaltfreie Erziehung. Aber nicht der Islam“.

Was wollte Christian Wulff uns sagen? Wenn er uns darauf aufmerksam machen wollte, dass in Deutschland Muslime leben, so hatte er ohne Zweifel Recht. Oder meinte der Alt-Bundespräsident, die in Deutschland lebenden Bürger islamischen Glaubens hätten den Anspruch auf Respektierung ihrer Person, sofern sie ihre Steuern zahlen und auch sonst die Gesetze achten? So wie eben auch ihre christlichen und jüdischen Landsleute, so wie auch Atheisten, Wotan- oder Bhagwan-Anhänger, die Verehrer der Mutter Erde, des Häuptlings Seattle und des Dalai Lama? Auch dann hätte er eine Selbstverständlichkeit ausgesprochen und der Satz wäre das Medienecho nicht wert, das er hervorgerufen hat.

Leider waren Christian Wulffs gutgemeinte Worte unglücklich gewählt und befeuerten daher die Kontroversen um den Islam in Deutschland, statt sie zu neutralisieren. „Der“ Islam, „das“ Christentum – das sind Abstraktionen. Sie dienen im gegenwärtigen Streit um die Integration allenfalls dazu, Journalisten, Politikern und Philosophen Anlaß zu mehr oder weniger polemischen Abhandlungen und gelehrten Gegenüberstellungen zu geben, Behauptungen aufzustellen und dann wieder das Gegenteil zu behaupten. Da wird zum Vergleich von Koran und Bibel herausgefordert und mit diesen oder jenen Textstellen jeweils „bewiesen“, dass die eine oder die andere Religion aggressiv, blutig, friedlich sei – oder auch nicht. Die große Binnenvielfalt dieser Religionen wird dabei überhaupt nicht berücksichtigt.

„Der“ Islam tritt uns zunächst in verschiedenen Rechtsschulen und durch die Art und Weise entgegen, wie ihn Bosniaken, Türken, Araber, Indonesier, Afghanen, Iraner u.v.a. leben. Damit nicht genug – bis hinunter in die einzelnen Moschee-Gemeinden reichen die unterschiedlichen Auffassungen von der richtigen Lebensweise. Zwei türkische Moscheen in ein und derselben deutschen Stadt können beispielsweise unterschiedlicher Meinung sein, was die Bestimmung von Beginn und Ende des Fastens an den Tagen des Ramadans betrifft. Historische und lokal gegebene Umstände sowie vorgängige kulturelle Traditionen in den jeweiligen Herkunftsländern sorgen immer für einen selektiven Umgang mit den Texten und Lehren einer Religion, für die Um- und Neuinterpretierung ihrer Leitsätze und Inhalte. So war es seit jeher im Christentum, und im Islam ist es nicht anders.

Für die Lösung des Problems, um das es eigentlich geht und um das es auch dem Alt-Bundespräsidenten ging – das Zusammenleben mit Muslimen in unserem säkularen Rechtsstaat, sind Abstraktionen und Groß-Kategorien wie „der Islam“ oder „das Christentum“ völlig wertlos. Die Bewältigung des Alltags und des Zusammenlebens geschieht ja nicht im abstrakten Raum der Groß-Kategorien, sondern in tagtäglichen Entscheidungen von kleinerer und größerer Tragweite bei der Lösung kleinerer oder größerer Probleme. Wie schaffe ich es, am Monatsende nicht ins Minus zu geraten? Wo gehe ich heute einkaufen, wieviel kann ich für Lebensmittel, Kleidung und Benzin ausgeben? Auf welche Schule schicke ich die Kinder? Wo nehme ich das Geld für die Klassenfahrt her? Können wir uns noch eine Urlaubsreise leisten, wenn die Kinder auf Klassenfahrt gehen? Wie finanzieren wir eine neue Waschmaschine oder gar ein neues Auto?

Der türkische Frisör oder Lebensmittelhändler, der fleißig seiner Arbeit nachgeht und auch deutschstämmigen Jugendlichen Arbeit und eine Lehrstelle bietet, ist kein programmierter Automat, der dazu angetreten ist, in seinem Handeln das gesamte „Programm des Islams“ zu verwirklichen. Er trägt auch keinen Sprengstoffgürtel um den Leib und kümmert sich in der Regel eher wenig um Umma, Dschihad und Kalifat, sondern fühlt sich vielleicht vom Finanzamt ungerecht behandelt, wenn er nicht zum Quartalsende sofort seine Steuererklärung abgibt. Darin unterscheidet er sich nicht vom deutschen Bäckermeister in derselben Straße, der ganz ähnliche Probleme hat und mit dem Finanzamt womöglich ganz ähnliche Erfahrungen macht. Dass der türkische Ladenbesitzer darüber hinaus in die Moschee geht und während des Ramadans fastet, spielt keine Rolle für die Klärung seiner Probleme mit dem Finanzamt.

Der türkische Händler und der deutsche Bäckermeister müssen bürgerliche Probleme lösen, denen sich beide gleichermaßen in einer bürgerlichen Gesellschaft ausgesetzt sehen. Ihre Religionszugehörigkeit oder auch ihre „kulturelle Identität“ spielt dabei keine Rolle.

Die falsche Strategie der Konservativen

Der Umstand, dass heute in Deutschland Muslime leben, auch solche, die hier geboren wurden, sollte Anlass genug sein, gut über das Verhältnis von Menschen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit in einem säkularen oder laizistischen europäischen Rechtsstaat im 21. Jahrhundert nachzudenken.  Denn die Muslime, die hier ansässig sind, sind gekommen, um zu bleiben. Wer anderer Ansicht ist und gar glaubt, man könne sie wieder in ihre „Heimatländer“ zurückführen, gibt sich Illusionen hin und ist in der Gegenwart noch nicht angekommen.

In manchen Kreisen westlicher Konservativer – gerade auch in Deutschland – begegnet man dieser Herausforderung gerne mit einer unpolitischen Klage über den Verlust der „kulturellen Identität“. Mono-ethnische Nationalstaaten bilden jedoch nur eine verschwindende Minderheit im Weltvergleich und weniger als die Hälfte eines Prozents der Menschheit lebt in solchen Staaten, wie Warren Zimmermann etwas zugespitzt formuliert.  Es ist auch kaum möglich, allein auf der ethnischen Zugehörigkeit der Bevölkerung einen modernen Staat zu errichten, da viele dieser Gebilde viel zu klein wären, um als Staaten überlebensfähig zu sein.

Ein moderner Nationalstaat, der auch unter dem Druck der Globalisierung bestehen und seine Aufgaben erfüllen kann, kann daher kein Staat sein, der auf einer – fiktiven – ethnischen Einheit und „Identität“ beruht, sondern er muss ein Demos-Staat sein. Damit meine ich einen Staat, der ein Staatsvolk (Demos) voraussetzt, dessen Mitglieder prinzipiell in der Lage sind, miteinander einen politischen Dialog zu führen. Die gute Beherrschung einer gemeinsamen Sprache ist dazu die unabdingbare Voraussetzung.

Westliche Konservative – also Christen, Muslime und auch antikapitalistische Linke – haben jedenfalls manches, was sie miteinander verbindet. Sie könnten solch einen politischen Dialog miteinander führen. Sie sind potentielle Verbündete in der Abwehr der Folgen der Radikalsäkularisierung und stehen im politischen Kampf um die Erhaltung grundlegender sozialer und humaner Werte gegenüber den Ansprüchen der radikalsäkularen Umformung der Gesellschaft auf derselben Seite. Die entscheidende Trennlinie verläuft heute nämlich nicht zwischen den Kulturen, sondern zwischen Konservativen und Radikalsäkularisten. „Muslime stimmen tendenziell mit christlichen Konservativen überein“, meint auch der Islamismus-Experte Olivier Roy, aus diesem Grund hat wohl auch die Mehrheit der amerikanischen Muslime im November 2000 für George W. Bush gestimmt.

Die lautstärksten Fürsprecher des Islams im Westen finden sich jedoch ausgerechnet in jenen politischen Parteien und in den Kreisen von Wissenschaftlern, Journalisten und politischen Mandatsträgern, die ansonsten mit der Religion eher wenig im Sinne haben und sich – bewusst oder unbewusst – in den Dienst des hegemonialen Projekts der Schaffung einer „Neuen Weltordnung“ stellen. Es handelt sich bei ihnen um die Anhänger der Idee der einen globalisierten, säkularen „Zivilgesellschaft“, die im Namen einer alle Grenzen der Tradition sprengenden „Aufklärung“ von einer gleichermaßen entchristianisierten wie überhaupt religionslosen Welt träumen. Ihre Sympathie für den Islam ist nur vorgeschoben; sie wollen im Grunde das Christentum und konservative Werte allgemein bekämpfen und benutzen den Islam nur als Mittel, um das Christentum zu schwächen und zu vernichten. Darüber hinaus verfolgen sie natürlich auch das ganz praktische Ziel des Machterhalts, denn nachdem sich im Zuge der postindustriellen Umgestaltung der Arbeitswelt die alten Milieus auflösen – Arbeiterschaft, Bürgertum, Mittelstand – benötigen die politischen Parteien neue Klientelgruppen, mit deren Stimmen sie sich an der Macht halten können.

Widerstand ist möglich, allerdings benötigen jene, die sich für konservative Werte einsetzen, dazu Verbündete. Leider sind Teile des konservativen Lagers bislang offenbar kaum in der Lage, strategisch zu denken und politisch zu handeln, denn dazu müsste man Bündnisse mit jenen Teilen der Bevölkerung schließen, die die gleichen grundlegenden Werte vertreten, die ebenfalls für Familie und Gemeinwesen eintreten und die Abtreibung und die Frühsexualisierung unserer Kinder ablehnen.

Stattdessen tappen Konservative in die Falle des Anti-Islamismus, die beispielsweise von Organisationen wie dem Gatestone Institute aufgestellt werden. Sie erkennen die große Binnenvielfalt nicht, die den Islam auch bei uns prägt. Die Gefahr für unsere Kultur und unser Gemeinwesen geht jedoch nicht von einer abstrakten Islamisierung aus, sondern vom rabiaten Radikalsäkularismus, der das Individuum aus seinem natürlichen Geschlecht und allen notwendigen überindividuellen Bindungen herauslösen möchte.

So gesehen, kann die Frontstellung, die man beispielsweise in Deutschland pauschal gegen die „Islamisierung des Abendlands“ bezieht, den Interessen des Welt-Hegemons und der transnationalen Finanz- und Unternehmer-Aristokratie nur dienen, da sie den Widerstand gegen deren arrogante universalistische Prätentionen beim Aufbau der „Neuen Weltordnung“ zersplittert und dadurch schwächt.

Veröffentlicht am 27. Juli 2017 von Geolitico in Aktuell

 

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Chefredakteur der Presseagentur Euro Arab Press Fotoreporter Webdesigner

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